Zugleich setzten sie sich deutlich von der AFD ab, die in Umfragen von Mai bis Oktober 2025 zeitweise mit rund 2 % vor den GRÜNEN lag.

Den knappen Wahlsieg der GRÜNEN mit ihrem Spitzenkandidaten Cem Özdemir führten CDU Spitzenkandidat Manuel Hagel, Innenminister Thomas Strobel (CDU) sowie andere CDU-Politiker*innen in ihren schnell herbei geredeten Wahl-Analysen darauf zurück, dass ein - gut zwei Wochen vor dem Wahltag von der grünen Bundestagsabgeordneten Zoe Mayer veröffentlichtes Video mit Manuel Hagel - in der Netz- und Medienwelt als angebliche  „Schmutz-Kampagne“ der GRÜNEN große Kreise zog.
Das, was man in Reihen der Christ-Unionisten für „schmutzig“ hält, ist allerdings alles andere als dies. Was war geschehen?

Vor gut acht Jahren hatte sich Manuel Hagel in der Sendung „AUF EIN BIER MIT - Manuel Hagel“ des Regional-Senders regioTV vom 22. 02. 2018 im in dieser Sendung geführten Gespräch über den Besuch einer Schulklasse geäußert. Hagel war damals 29 Jahre alt und seit 2016 Landtagsabgeordneter sowie Generalsekretär seiner Partei.

Im regioTV Gespräch äußerte er sich über die bildungspolitischen Gespräche mit den Schüler*innen, u.a. mit Worten, die eher körperliche Merkmale eines bestimmten Mädchens in den Vordergrund stellten, statt die inhaltlichen Aspekte der Diskussion mit den Schüler*innen.
Transkript der Video-Passage des damaligen TV-Gesprächs:

Ich war vor wenigen Wochen in einer Realschule bei uns im Wahlkreis. Eine Klasse, 80 Prozent Mädchen. Also da gibt es für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen.“, so Hagel und weiter, „Dann begann, und ich werde es nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva. Braune Haare, rehbraune Augen.“ Der Moderator wirft ein, „Die wird jetzt rot zu Hause, wenn die das sieht gerade hier.“ Darauf Hagel, „Ich sage keinen Nachnamen dazu.“ Beide lachen - Hahaha.

Die Passage des Online verfügbaren TV-Gesprächs mit Manuel Hagel hatte Zoe Mayer dann mit eigenen kritischen Anmerkungen bezüglich der hagelschen Reduzierung des Weiblichen auf allgemeine Körpermerkmale, statt einer Auseinandersetzung mit inhaltlichen Themen im Gespräch mit Schulmädchen, als selbst produziertes Reel am 23. 02. 2026 auf Instagram hochgeladen. Frei von jedweder Hetze und sachlich-kritisch am Beispiel von Hagels Äußerungen, von ihr thematisierte Missstände hinsichtlich männlicher Wahrnehmung von Mädchen und Frauen formuliert.

Was soll daran falsch, schmutzig oder sonst wie verwerflich sein, wenn sich Frauen - und sei es am Beispiel eines solchen Video-Ausschnitts - gegen mangelndes Ernstnehmen, gegen Diskriminierung oder gegen Sexualisierung wehren?! Auch dem 2018 „erst“ 29 Jahre alt gewesenen Manuel Hagel als Politiker, dürfte nicht entgangen sein, dass im Zuge des "Falls Harvey Weistein" bereits 2017 die „MeToo“ Bewegung ins Rollen kam.

Hagel selbst bekundete bereits, das seine damaligen Äußerungen "Mist" gewesen seien und seine Frau im schon damals "den Kopf gewaschen" hätte. Die ganze Sache war eigentlich durch, nach dem Wahlabend. Doch nicht für die sich selbst gerne so nennende „Baden-Württemberg Partei“ CDU. Ihr noch amtierender Innenminister Thomas Strobel allen voran macht im Nachhinein aus einer medialen Mücke im Wahlkampf nun einen staatstragenden Elefanten. "Unterste Schublade" sei die Kampagne mit dem Hagel-Video gewesen, "grünes Gift" sei versprüht worden und der Spitzenkandidat Manuel Hagel sei in die Nähe von "Kinderschändern" gerückt worden. Durch die Özdemir-GRÜNEN; unter Winfried Kretschmann wäre so etwas undenkbar gewesen, heißt es.
Strobel schlägt verbal um sich, weil er und seine Partei es scheinbar nicht verkraften können, dass die GRÜNEN die Wahl knapp gewonnen haben. Und wahrscheinlich auch deshalb, weil man nicht wahrhaben will, dass gesellschaftliche Entwicklungen mittlerweile einen anderen spin an den Tag legen, als man es im altbackenen Leitkultur-Getriebe des starr konservativen Karussells der Süd-West CDU seit Langem gewohnt ist. Doch bei all dem konstruierten Schmutz-Kampagnen-Vorwurf wider die GRÜNEN und Cem Özdemir, übersehen die aktuellen Granden der CDU in Baden-Württemberg - wie bisher übrigens auch Kommentatoren in den Medien - den wahren Schmutz, der sich im parlamentarischen Hause selbst festgesetzt hat.

Was einst unter dem Ministerpräsidenten Erwin Teufel noch anstrengend gut gelang - nämlich einst die rechtsradikalen Republikaner im Zuge von zwei Landtagswahlen aus dem baden-württembergischen Landtag hinwegzufegen - ist in drei Wahlen, 2016, 2021 und 2026, nun nicht mehr gelungen. Gegen die AFD hilft keine politische Kehrwoche mehr. Sie hat sich nachhaltig eingedreckt in Baden-Württemberg. 18,8 % - rund 1 Mio. Personen mit nahezu identischer Erst- und Zweitstimmen-Abgabe haben zur AFD in Baden-Württemberg JA gesagt.

In den fünf ost-deutschen Bundesländern gingen bei den letzt zurückliegenden Wahlen insgesamt rund 7,1 Mio. Personen zur Wahl. Rund 1,93 Mio. davon haben die AFD gewählt (27,18 %).
In den elf west-deutschen Bundesländern waren es bei den jüngst zurückliegenden Landtagswahlen insgesamt 32,4 Mio. Wahler*innen von denen ca. 4,02 Mio. Personen die AFD gewählt haben (12,4 %).
Der Ossi hat die AFD somit etwas mehr als doppelt so lieb, wie der Wessi. In Baden-Württemberg jedoch geht die Liebe zur AFD (18,8 %) mit gut 6% über den Wessi-Durchschnitt hinaus, liegt jedoch noch mit knappen 8,4 % unter dem Ossi-Durchschnitt.

Immer wenn die rechtsradikale AFD bei Wahlen zulegt und mittlerweile Zustimmungswerte von 20 % plus X bis hin 30 % erhält während die anderen Parteien teilweise deutliche Verluste hinnehmen müssen, betonen letztere oft und gerne, dass sich dennoch rund 70 % der Wähler*innen insgesamt zur demokratischen Mitte bekannt haben. Ist das tatsächlich noch immer so? In Baden-Württemberg nicht mehr.

In ihrem Stammland ist die FDP erstmalig aus dem Landtag geflogen, die SPD ist auf 5,5 % herunter gestutzt worden und die LINKE hat die 5-Prozent-Hürde nicht genommen. Auch die GRÜNEN, 2021 mit 32,6 % noch weit vor der CDU (24,1 %) liegend, haben diesmal bei der Wahl zum 18. Landtag von Baden-Württemberg 2,4 % verloren während die CDU 5,6 % zulegte gegenüber 2021. Die AFD, mit 15,1 % bei der Wahl 2016 erstmalig in den Landtag eingezogen, konnte sich trotz großer Stimmeneinbußen bei der Wahl 2021 (9,7 %) im Wahljahr 2016 auf 18,8 % deutlich verbessern. Ihr bisher bestes Ergebnis in einem west-deutschen Bundesland.

Aus den prozentualen Wahlergebnissen ergeben sich im Landtag von Baden-Württemberg nun Sitz-Verhältnisse einer mitte-konservativ-rechtsradikalen Anzahl von 91 Sitzen (CDU 56 und AFD 35) gegenüber einer mitte-links Anzahl von 66 Sitzen (GRÜNE 56, SPD 10). Oder anders ausgedrückt - auf der parlamentarischen Ebene verfügt das schwarz-blaue Lager über eine satte Mehrheit. Das Parlament ist gemäß Wähler*innen-Votum deutlich nach rechts gerückt.

Zum Vergleich. 1976 hatte die CDU mit dem erz-konservativen Hans Karl Filbinger als Ministerpräsident ihr historisch bestes Wahlergebnis mit absoluter Mehrheit (56,7 %) seit Erfindung Baden-Württembergs eingefahren. Damals saßen 71 regierende CDU-Parlamentarier*innen einer sozial-liberalen Opposition mit 50 Parlamentarier*innen (SPD 41, FDP 9) gegenüber. Die rechts-links Welt war noch klar konturiert, was die politisch-ideologischen Lager betrifft. Und – abgesehen von Filbingers Rolle im NS-Regime selbst - von Faschisten frei.

Heute nach der Landtagswahl 2026 besteht der wahre Aufreger somit nicht darin, dass eine grüne Bundestagsabgeordnete ein Instagram-Reel mit Hagel-Aussagen aus einem regioTV Video kommentiert und zwei Wochen vor dem Wahltag gepostet hat, sondern im Rechtsruck. Die parlamentarische Opposition im Landtag von Baden-Württemberg gehört jetzt praktisch der AFD. Neben zehn Sozis auf verlorenem Posten.

Direkte Auswirkungen des Instagram-Posts von Zoe Mayer auf das Wähler*innen Verhalten sind ohnehin nicht belegbar. Spekulativ mag es eher so gewesen sein, dass die mediale Resonanz auf den Mayer-Post dazu geführt hat, dass sich die Wähler*innen grundsätzlich näher mit dem Spitzenkandidaten Manuel Hagel und der CDU-Programmatik befasst haben - Video-Aussagen über Evas rehbraune Augen hin oder her - und zu dem Schluss gelangten, dass das CDU-Angebot im Musterländle inhaltlich nicht so attraktiv ist, wie man in der Partei-Zentrale gemeint hat.

Ohnehin war im Wahlkampf weder eine Wechsel-Stimmung zugunsten der CDU noch eine Mehltau-Müdigkeit bezüglich der Kretschmann-GRÜNEN zu beobachten. Man hat sich mit grün-schwarz oder schwarz-grün eingerichtet - und Cem Özdemir hat schlichtweg den besseren, weil staatsmännischen, weitgehend ideologiebefreiten und stark auf seine Person bezogenen Wahlkampf hingelegt - ohne „grünes Händchen“ der Bundespartei. Am Ende hatte der sich selbst so titulierende “anatolische Schwabe“ die Nase hauchdünn vorn. Ein 1:0 in der letzten Sekunde vor Spielabpfiff ist eben immer noch ein siegreicher Torschuss. Auch wenn das Verlierer-Team meint, besser gespielt zu haben.     

Das sich die Süd-West CDU nun gänzlich un-olympisch mit Platz zwei nicht zufriedengibt und sich stattdessen großmäulig als heulsusiges Opfer einer angeblichen Schmutz-Kampagne aufspielt, lässt tief blicken. Nicht nur wegen unsportlichem Verhalten gegenüber den GRÜNEN, sondern vor allem wegen der oben beschriebenen Parlamentssituation.

Die weiter erstarkte AFD wird aus der Opposition heraus die kommenden fünf Jahre dazu nutzen, die CDU Im kommenden Kabinett Özdemir I per Brandmauer-Debatte ins Visier zu nehmen um dieses christ-unionistische Abgrenzungskonzept zum rechtsextremen Lager Ecke um Ecke, Fuge um Fuge und Stein um Stein zum Bröckeln zu bringen. Kein west-deutsches Bundesland wäre dazu besser geeignet, als Baden-Württemberg mit seinem grundsätzlich konservativ-bewahrenden Beat im innovativen Swing - egal ob ein grüner Ministerpräsident die Villa Reizenstein rockt.

Eben genau das treibt die Süd-West CDU sowie die CDU auf Bundeseben in Wahrheit um und erklärt ihre Nervosität – die AFD rückt ihr Landtagswahl um Landtagswahl von der rechts-extremen Seite her immer näher an die konservative Mitte heran, ja möchte so gerne mit ihr verschmelzen. Doch anstatt sich mit dieser dirty roadmap im extremistischen Lager rechts der Mitte mit klarer Haltung zu befassen und zu positionieren, duckt man sich vor der eigenen Courage und Politik-Verantwortung weg und eröffnet zur Ablenkung eine Schlammschlacht gegen die GRÜNEN ab dem ersten Tag nach dem Wahlabend.

Auch eine Woche später beruhigt man sich kaum. Die CDU bringt eine Teilung der Amtszeit auf dem Ministerpräsidentenposten ins Spiel, seitens Manuel Hagel heißt es, man wolle sich nicht zu einer Regierungsbildung drängen lassen und andere betonen mit Warnung vor einer zu linkslastigen Koalition mit den GRÜNEN, dass die Wähler*innen in Baden-Württemberg mehrheitlich konservativ gewählt haben. Ein latenter Hinweis auf die starke AFD, den man als Brandmauerwackeln interpretieren kann, denn bezüglich der CDU allein, haben die Wähler*innen ja nicht mehrheitlich konservativ gewählt.

Es wird noch der Tag kommen, da zum altzitierten Ruf – „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“, ein weiterer hinzukommt. "Wer hat sich verpisst – der Christ-Unionist."